5. November 2009

Dragon Age - Origins: Ein wahrgewordener RPG-Traum

Zugegeben: Die "Geburt" eines neuen Charakters hätten die Entwickler anders lösen können. Denn wenn ich mich an die liebevoll inszenierte Geburtsszene aus Fallout 3 zurückerinnere, wirkt der plump vorgesetzte Charakter Creator schon fast bieder. Doch das war es eigentlich schon, was ich an Dragon Age: Origins, dem neuesten Meisterwerk der kanadischen Softwareschmiede Bioware, nach knapp sechs Spielstunden auszusetzen habe. Alles andere, - und ich meine wirklich alles (!) - ist den Machern ausnahmslos grandios gelungen.

Da wäre zum einen der wichtigste Bestandteil eines guten Rollenspiels: die Geschichte und wie sie dem Spieler vermittelt wird. Dragon Age: Origins wirft den Spieler nach der Charaktererstellung sofort ins Geschehen. Je nachdem, für welche Rasse, Klasse und Herkunft man sich entschieden hat, wartet eine andere Einleitung darauf, gemeistert zu werden. Insgesamt gibt es deren sechs; alle unterscheiden sich grundlegend voneinander, haben jedoch ein gemeinsames Ziel: den Spieler mit der grundlegenden Steuerung und der Welt Ferelden vertraut zu machen.

Ich habe mich für eine Magierin entschieden. Nein, nicht die, die ich im Rahmen meiner Vorstellung des Charakter Editors erstellt hatte, jedoch orientiert sich mein finaler Charakter deutlich an ihrem Vorbild Shandris. Die Einleitung meiner Magierin bestand - ohne zuviel zu verraten - darin, ihrem eigenen Dämon zu widerstehen. Auf ihrem Weg zur endgültigen Prüfung findet sie immer wieder Pergamente, Hinweise und erfährt in Gesprächen weitere Details, die in ihrem Tagebuch vermerkt werden und die man zu jedem Zeitpunkt im Spiel erneut durchschmökern kann. Und ich sage euch, bereits in der ersten Spielstunde habe ich schiere Massen an Text zu lesen bekommen, aus der andere Entwickler gleich zwei Spiele gestrickt hätten. Wer Baldur's Gate, dessen Nachfolger oder auch Neverwinter Nights gespielt hat, weiß ungefähr, was ihn erwartet. Zur Entwarnung: Man muss all diese Texte nicht zwingend lesen. Wer es trotzdem tut und sich darauf einlässt, wird noch tiefer in dieses unfassbar glaubwürdige Universum gezogen und versteht einige Dinge im Verlauf der Handlung vielleicht etwas besser... ohne nun zu konkret zu werden.

Nun gut, nachdem meine Magierin ihre Prüfung erfolgreich absolviert hatte, nahm die Geschichte weiter Fahrt auf. Ich möchte auch in diesem Fall nicht zuviel verraten, doch allein in den ersten drei, vier Spielstunden gab es mehrere Entscheidungen, die mir (und ihr wohl auch) teils wirklich nicht leicht fielen, gefolgt von einem Schicksalsschlag, welcher erste, sich anbahnende Bindungen zwischen den Party-Mitgliedern auf einen Schlag zerstören sollte...

Die Kämpfe... ja, die Kämpfe sind natürlich ebenfalls ein Herzstück eines RPGs wie Dragon Age: Origins. Und was soll ich sagen: Sie sind den Entwicklern wirklich außerordentlich gut gelungen. Grundsätzlich laufen sie rundenbasiert ab, vom Prinzip her ähnlich wie in World of Warcraft, jedoch ohne an die Komplexität früherer Bioware-Titel wie Baldur's Gate oder Neverwinter Nights mit ihren hunderten Werten und Zahlenspielereien, auf die man stets ein Auge werfen musste, heranzukommen. - Doch das muss nichts Schlechtes heißen! Jeder Kampf machte mir persönlich bisher großen Spaß, keiner glich dem vorherigen. Die NPC- / Party-Mitglieder halten sich strickt an die eingestellten Vorgaben. So ist es beispielsweise möglich, einen Krieger stets an vorderster Front kämpfen zu lassen - quasi als Tank - während der Bogenschütze aus dem Hinterhalt die Feinde auf's Korn nimmt, meine Magierin Feuerbälle, Blitze und Froststöße abfeuert und bei Bedarf gerne auch als Heilerin einspringt. Das alles spielt sich so dermaßen dynamisch, dass man sich sogar dabei ertappt, wie man bewusst näher an die Kämpfe heranzoomt, um sich die wirklich gelungenen, stylischen Moves der Charaktere anzuschauen.

Apropos heranzoomen: Am PC kann Dragon Age: Origins aus zwei grundlegend verschiedenen Perspektiven gespielt werden. Zum einen aus der klassischen Iso-Schräg-von-oben-Perspektive, wie man sie beispielsweise aus Neverwinter Nights kennt, zum anderen aus der Schulterperspektive, die bereits in Mass Effect zum Einsatz kam und die Dank des Fantasy-Settings ebenfalls ein wenig an World of Warcraft erinnert. Ich bevorzuge bisher die Schulter-Kamera, da ich einfach dieses Mittendrin-Gefühl liebe, - und weil die bekannte WoW-Steuerung quasi 1:1 übernommen wurde.

Einen Nachteil hat diese nahe Perspektive jedoch: An der einen oder anderen Stelle im Spiel, insbesondere, wenn es erstmals in der Außenwelt zur Sache geht, sind mir matschige und überhaupt recht niedrig aufgelöste Texturen aufgefallen. Die drücken den ansonsten sehr guten Gesamteindruck ein ganz klein wenig, fallen jedoch nicht wirklich extrem "störend" auf. Dennoch könnte Bioware hier vielleicht nochmal nachbessern.

Sehr gut gefallen haben mir dagegen die durchweg gelungenen Cutszenes. Insbesondere die nach rund sechs Spielstunden stattfindende Massenschlacht zwischen ..... und den ..... wurde derart opulent inszeniert, dass sie glatt aus einem Herr der Ringe-Film hätte stammen können. Prunkvolle Rüstungen der Charaktere und kleine Details wie Wimpel, wehende Tücher und das allgegenwärtige Stilmittel Blut, welches von den Entwicklern zwar wie erwähnt en masse eingesetzt wird, jedoch zu keinem Zeitpunkt zum Selbstzweck verkommt und stets passend wirkt, untermauern die gelungene und vor allem höchst stimmige Optik.

Ebenfalls sehr stimmig ist die Musikuntermalung mit ihren mittelalterlichen Klängen, die sich in den häufigen Kämpfen sogar dynamisch der jeweiligen Situation anpassen, sowie die deutsche Lokalisation. Ich hatte mir zwar überlegt, ob ich das Spiel nicht lieber auf Englisch, also im Original, durchspielen soll, jedoch habe mich letztendlich für die deutsche Sprachausgabe entschieden, - und wurde bisher noch nicht enttäuscht. Bis auf zwei, drei kleine Ausnahmen wurden ausnahmslos passende Sprecherinnen und Sprecher besetzt, die den Charakteren überzeugend Leben einhauchen. Schade ist hingegen, dass ausgerechnet der eigene Charakter das ganze Spiel über stumm bleibt. Nicht mal in den Zwischensequenzen hat meine Magierin bisher gesprochen. Nicht stumm bleiben dagegen die anderen Mitglieder der Abenteurergruppe. So kommentieren sie Entscheidungen, führen untereinander Wortgeplänkel aus oder merken einfach etwas zur aktuellen Situation an. Dabei kommen die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Charaktere Dank der erwähnten sehr guten Synchronsprecher so gut rüber, dass man oftmals beinahe vergisst, dass es sich dabei um gescriptete Events handelt. Wer trotzdem lieber auf die englische oder überhaupt auf eine andere Sprachausgabe zurückgreifen möchte, kann das entsprechende Soundpaket bequem über Steam nachladen.

Ach ja, nachgeladen wird übrigens recht oft. Egal, ob man einen neuen Gebietsabschnitt oder einfach nur ein Gebäude betritt, - stets bekommt man einen Ladebildschirm vorgesetzt. Der verschwindet zwar schon nach ein paar Sekunden wieder, dennoch kann einem dieser Umstand ziemlich auf die Nerven gehen, wenn man beispielsweise mehrere Male ein Haus betreten und wieder verlassen muss.

Dragon Age: Origins ist ein viel zu komplexes Spiel, um es hier im Rahmen dieses Blogs so zu würdigen wie es dies eigentlich verdient hätte. Ich kann nur sagen, - und ich hoffe, dass ich das mit diesem ein wenig ausufernden Post auch entsprechend rüberbringe - dass ich seit Monaten, wenn nicht sogar seit Jahren nicht mehr soviel Spaß mit einem neuen RPG hatte wie mit diesem Juwel aus dem Hause Bioware. Überhaupt hat mich DA:O sofort gefesselt. Es gab bisher keine Minute in der ich mich gelangwelt habe, und das heißt schon was! Der Bioware-Virus hat bei mir eindeutig wieder zugeschlagen, und deshalb kann ich jedem, der sich auch nur ansatzweise für Rollenspiele erwärmen kann, nur raten, sich dieses Meisterwerk zuzulegen!

Vielen Dank, Bioware, für diesen wahrgewordenen Rollenspiel-Traum!

9/10