Deutscher Trailer hier. Synchronsprecher: Holmes (Charles Rettinghaus); Watson (Florian Halm); Blackwood (Thomas Nero Wolf), u.a.
Abends um kurz nach halb neun war's dann soweit. Rein in's Kino, rund zwei Stunden mehr oder weniger gebannt auf die Leinwand starren und anschliessend Resumée ziehen. - Tja, und was soll ich sagen? SHERLOCK HOLMES ist eine packende, mitreissende und durchaus witzige Comicverfilmung geworden. Grosses Kompliment! Doch genau das ist auch exakt jener Makel, an dem sich echte Fans des weltberuehmten Londoner Meisterdetektivs stoeren werden: Guy Ritchies Sherlock Holmes basiert nur vom Namen und seiner grundlegenden Taetigkeit her auf der beruehmten Romanvorlage von Sir Arthur Conan Doyle. Alles andere, wie etwa seine ausgepraegten Faehigkeiten in Sachen Nahkampf, sind Dinge, die ihm im Rahmen einer mehr oder weniger populaeren Comicreihe angedichtet wurden. Und genau auf diesen Comics basiert (leider) auch der eigentliche Hollywood-Film.
Das muss ja an sich nichts Schlechtes heissen, doch wie gesagt: echte SH-Maniacs wird es hundert pro stoeren, - und ich als grosser Fan der deutschen Maritim-Hoerbuchreihe, die wiederum auf den grandiosen Romanen aus der Feder Doyles basiert, habe mich in der Tat das ein oder andere Mal dabei erwischt, wie ich unglaeubig auf den grossen Silverscreen starrte und mich nicht entsinnen konnte, Holmes und / oder seinen treuen Gefaehrten Dr. Watson in der Romanvorlage so agierend erlebt zu haben wie im Film. Teils war es wirklich verstoerend, einen ausgewiesenen Meisterdetektiv, der seine Staerke stets in seinem ueberlegenen Intellekt sah und nie in seinen Faeusten oder der Pistole, sich wild raufend und um sich schiessend auf irgendwelchen Baukraenen, Bruecken oder in Schiffswerften zu erleben.

Durchweg ueberzeugend: Holmes (Robert Downey Jr.) und Watson (Jude Law)
Ok, das mag vielleicht auch der Tatsache geschuldet sein, dass der Film lose einen von Holmes ersten Faellen abbildet, denen er sich gemeinsam mit Watson konfrontiert sah. Soll heissen: Im Film sind die Protagonisten entsprechend juenger angelegt als in der Romanvorlage oder der erwaehnten Hoerbuchreihe. - Auch dies muss jedoch nichts Schlechtes heissen! Der wie immer hoechst wandlungsfaehige Robert Downey Jr. (u.a. Tropic Thunder, Iron Man, Gothika) spielt den Sherlock Holmes ueberragend. Und ich meine wirklich ueberragend! Man nimmt ihm seine Rolle schlicht und ergreifend ab. Punkt. Jude Law (u.a. My Blueberry Nights, The Aviator, Road to Perdition), der uns Holmes Partner Dr. Watson gibt, agiert im gesamten Film routiniert, aber eben auch nicht mehr. Man merkt seiner Rolle darueber hinaus deutlich an, dass sie von Ritchie quasi als ausgleichender Ruhepol zum allzu wuest geratenen Holmes inszeniert wurde. Fans wird's nicht stoeren, immerhin fiel Watson auch in Arthur Conan Doyles zahlreichen Romanen nie als Wirbelwind auf. Dennoch haette ich persoenlich ein bisschen mehr Watson und einen Tick weniger Holmes begruesst, denn der Film droht an der einen oder anderen Stelle zur RDJ-Show zu mutieren. Btw: der oftmals subtile, very britishe Humor zwischen den beiden ist den Machern wirklich gelungen. Ok, er mag nicht jedermanns Geschmack sein, ich gehe sogar soweit zu sagen, dass er hierzulande einigen gar nicht auffallen wird, - mir jedoch hat er durchaus zusagt!
Kommen wir zu den beiden anderen, fuer den Film wichtigen Darstellern: Rachel McAdams und Mark Strong. Erstere verkoerpert jene ja fast schon beruehmt-beruechtigte Femme fatale, die es (in den Romanen) fertig brachte, den kaltherzigen und stets unterkuehlt agierenden Sherlock Holmes zu verfuehren: Irene Adler. Auch in ihrem Fall wurde absolut auf den Punkt besetzt. McAdams, in jeder Hinsicht eine wahre Augenweide, bringt ihre Rolle stets glaubwuerdig und nie overactet rueber. Das haben wir von ihr hier und da schon anders gesehen, weshalb ich nach der Vorstellung sehr froh war, dass nicht sie es war, die den Film ins Mittelmass runterzog. Selbiges gilt auch fuer den vierten im Bunde: Mark Strong. Er verkoerpert Holmes Gegenspieler Lord Blackwood, den man meiner Meinung nach nicht wirklich ausfuehrlich beschreiben kann, ohne gleich die halbe Handlung des Films offenzulegen. Deshalb belasse ich es bei dieser kurzen Einschaetzung. Ach ja: der in den Hoerbuechern vom deutschen Synchronsprecher Volker Brandt immer wieder auf's Neue grandios zerstreut intonierte Inspektor Lestrade hat auch im Hollywood-Blockbuster seine mehr oder weniger brillanten Auftritte. Keine Ahnung, von wem er in der deutschen Synchronfassung gesprochen werden wird, mir jedoch fehlte Brandts markante Stimme im englischen Original. Brandt ist fuer mich der Inbegriff von Lestrade, da kann sich die Stimme des englischen Schauspielers anhoeren wie sie will, - deshalb fordere ich hiermit die Beruecksichtigung von Volker Brandt auf der finalen Synchronbesetzungsliste! ;)
Apropos anhoeren: Der SHERLOCK HOLMES-Soundtrack ist durchweg gelungen. Bei mir ist's immer ein gutes Zeichen, wenn sich der Score eines Films in mein Gedaechtnis einbrennt. Und das ist bei diesem aus der - wie immer brillanten - Feder von Hans Zimmer (u.a. The Dark Knight, Pirates of the Caribbean, The Da Vinci Cide, Gladiator), seines Zeichens Deutschlands Hollywood-Komponist No.1, absolut der Fall!

So schoen war das viktorianische London noch nie!
Ich erwaehnte vorhin kurz Holmes Gegenspieler Lord Blackwood, den man nicht wirklich ausfuehrlich beschreiben kann, ohne die halbe Handlung des Films zu spoilern. - Tja, die Handlung, die Handlung... sie ist es, die SHERLOCK HOLMES in meinen Augen runterzieht. Denn bei aller Liebe zu den Charakteren, ihren wirklich grossartigen und vor allem glaubwuerdigen Darstellern sowie den wunderschoenen, durch die Bank gelungenen (CGI-)Locations eines viktorianischen Londons: Ueber eine (leider sehr) seichte Verschwoerungstheorie, mit leicht okkultem Einschlag samt am Rande eingeflochtener Romanze (die jedoch wohl einzig und allein aus dem Grund reingeschrieben wurde, um ueberhaupt eine ernstzunehmende weibliche Rolle im Plot auftauchen zu lassen) kommt SHERLOCK HOLMES nicht hinaus. Auf den Punkt gebracht: Zu keinem Zeitpunkt erreicht die Handlung des Films die verwobene Dichte eines durchschnittlichen Sherlock Holmes-Romans. - Was wirklich sehr schade ist, immerhin gibt's nicht allzu viele gute Filme, die sich "The World's Most Brilliant Mind" widmen.
Haette dieser essenzielle Part des Films gepasst, waere SHERLOCK HOLMES fuer mich mit Abstand der Blockbuster dieses Winters geworden. So ist er nur gut gemachtes Popcorn-Kino, das man sich geben kann - oder eben auch nicht. Fuer Deutschland erwarte ich uebrigens ein Einspielergebnis nahe der Schmerzgrenze. In weiser Voraussicht dessen - und um James Camerons grandios gescheitertem Vorzeigeprojekt AVATAR aus dem Weg zu gehen - laesst Warner Bros. Guy Ritchies Version von Sherlock Holmes erst ab dem 28. Januar 2010 in den deutschen Kinos ermitteln.
Durchwachsene Handlung hin oder her: Ich freue mich bereits jetzt auf ein Wiedersehen mit Holmes und Watson im Jahr 2011, denn - hoert, hoert! - ein Sequel ist bereits ein Planung! Dann vielleicht ein bisschen mehr old fashioned inszeniert, weniger "schlagkraeftig" und mit einem Gegenspieler, der den legendaeren Namen Moriarty traegt. ;)
6/10
(7/10 mit Fan-Bonus)